Digitale Fahrgastanzeige in einer S-Bahn mit Informationen zur nächsten Station Köln Hauptbahnhof und zur Weiterfahrt Richtung Köln Hansaring.

ÖPNV-Digitalisierungsoffensive NRW

ÖPNV-Digitalisierung: Vom Projekt zur gemeinsamen Infrastruktur

Concetta Wilhelm (KCD)

Die Digitalisierung des öffentlichen Nahverkehrs in Nordrhein-Westfalen entwickelt sich zunehmend weg von einzelnen Projekten zu einer gemeinsamen Infrastruktur. Die ÖPNV Digitalisierungsoffensive (DO) NRW bildet dafür den Rahmen, denn sie strukturiert Themen, bündelt Projekte und schafft die Grundlage für eine vernetzte, alltagstaugliche Mobilität.

 

Klare Strukturen, gemeinsame Ziele

Ein entscheidender Fortschritt liegt in der gestiegenen Verbindlichkeit der Zusammenarbeit. Mit einem abgestimmten Memorandum of Understanding, einem neu aufgestellten Beirat sowie klar definierten Handlungsfeldern hat die Branche eine gemeinsame Orientierung für die weitere inhaltliche Arbeit geschaffen. Ticketing, Datenqualität, barrierefreies Reisen und Systemintegration werden nicht mehr isoliert gedacht, sondern als Teil eines zusammenhängenden Gesamtsystems verstanden.

Gleichzeitig hat sich der Fokus in der Umsetzung verschoben. Statt einzelne Best-Practice-Beispiele hervorzuheben, geht es verstärkt um gemeinsame, flächenhaft wirksame Lösungen, die sich in die Breite bringen und dauerhaft im betrieblichen Alltag etablieren lassen. Im Zentrum steht dabei ein bislang oft unterschätzter Faktor, nämlich die Datenqualität. Verlässliche, aktuelle und vollständige Daten sind die Voraussetzung dafür, dass digitale Anwendungen stabil funktionieren. Das zeigt sich etwa bei Informationen zur Barrierefreiheit von Haltestellen, die einheitlich erfasst und kontinuierlich gepflegt werden müssen, damit sie in barrierefrei nutzbaren Apps und Auskunftsanwendungen zuverlässig dargestellt werden können.

Auch im SPNV rückt ein Thema stärker in den Mittelpunkt, das für Fahrgäste ebenso relevant ist wie für die Akteure im System: die Frage, wo sich ein Zug tatsächlich befindet und nicht nur laut Fahrplan befinden sollte. Ein erster Schritt besteht darin, diese Informationen so einfach und pragmatisch wie möglich zugänglich zu machen. Ziel ist eine Lösung, die Positions- und Echtzeitdaten der Züge für Fahrgäste auf einer Karte sichtbar macht. Doch damit ist die Aufgabe nicht abgeschlossen, denn langfristig geht es darum, diese Daten in eine ganzheitliche Auskunft zu integrieren und sie zugleich stärker für den operativen Betrieb und die Planung nutzbar zu machen. Gerade daran zeigt sich exemplarisch, wie digitale Infrastruktur dort Wirkung entfaltet, wo Information, Steuerung und Nutzerperspektive zusammenkommen.

Digitale Tickets neu gedacht

Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist ein gemeinsamer Ticket- und Tokenspeicher, der in Zusammenarbeit mit der VDV eTicket Service GmbH & Co. KG aufgebaut wird. Er schafft die Grundlage dafür, dass digitale Fahrberechtigungen systemübergreifend erkannt und geprüft werden können. Damit wird eine wesentliche Hürde des digitalen Ticketings adressiert, denn bislang fehlt die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Systemen und Regionen.

Für Fahrgäste bedeutet das künftig weniger Brüche bei verbundübergreifenden Fahrten, weil digitale Tickets systemübergreifend erkannt und geprüft werden können. Für Verkehrsunternehmen reduziert sich der technische Abstimmungsaufwand. Gleichzeitig entsteht eine Infrastruktur, die perspektivisch auch über Nordrhein-Westfalen hinaus Wirkung entfalten kann, etwa im Zusammenspiel mit bundesweiten Entwicklungen wie dem Deutschlandticket.

On-Demand-Mobilität wird integrierbar

Mit rufmobil.nrw zeigt sich, wie sich neue Angebotsformen in ein integriertes Gesamtsystem einfügen lassen. Die Plattform bündelt On-Demand-Verkehre erstmals unter einem gemeinsamen Zugang und macht sie einheitlich nutzbar. Bereits im ersten halben Jahr nach dem Start zeigte sich die wachsende Relevanz des Angebots im Alltag: In dieser frühen Phase waren acht Verkehre von fünf Mandanten integriert, werktäglich wurden rund 500 Fahrten gebucht und insgesamt mehr als 60.000 Fahrgäste befördert. Die Zahlen verdeutlichen, dass On-Demand-Verkehre zunehmend als regulärer Bestandteil einer vernetzten Mobilitätslandschaft verstanden werden.

Die gemeinsame technische Basis verbessert die Nutzererfahrung und eröffnet neue Möglichkeiten für Planung und Steuerung. Flexible Verkehre können gezielter als Ergänzung zum Linienverkehr eingesetzt werden, vor allem in ländlichen Räumen oder zu nachfrageschwachen Zeiten.

Gerade dort, wo ein klassischer Linienverkehr wirtschaftlich oder betrieblich an Grenzen stößt, liegt ein besonderer Mehrwert von On-Demand-Angeboten. Sie können Zubringerfunktionen zum Bus- und Bahnverkehr übernehmen, die Erreichbarkeit in Randlagen verbessern und den ÖPNV insgesamt flexibler machen. Das Prinzip des Ridepoolings verbindet individuelle Bestellungen mit einer effizienten Bündelung von Fahrten. Dadurch werden Fahrzeuge bedarfsgerechter eingesetzt und vorhandene Kapazitäten besser genutzt. On-Demand-Mobilität wird so zu einem wichtigen Baustein für einen leistungsfähigen, klimafreundlichen und flächendeckend zugänglichen öffentlichen Verkehr in Nordrhein-Westfalen.

Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor

Neben technischen Lösungen gewinnt auch die Zusammenarbeit selbst an Bedeutung. Mit der neuen Kooperationsplattform PLAZA (Plattform für landesweiten Austausch und Zusammenarbeit der ÖPNV-Akteure) entsteht eine digitale Arbeitsumgebung, die Informationen, Materialien und Projektstände an einem Ort zusammenführt. Für die aktiven Mitgestalter*innen der ÖPNV DO NRW sowie die Mitglieder der landesweiten Gremien bedeutet das vor allem mehr Überblick im Arbeitsalltag.

Relevante Inhalte und Termine sind schneller auffindbar, Abstimmungsstände transparenter und Zuständigkeiten klarer nachvollziehbar. Wer an mehreren Themen parallel arbeitet, kann sich einfacher orientieren, auf vorhandenes Wissen zugreifen und Doppelarbeit vermeiden.

Gerade in einer zunehmend komplexen Projektlandschaft schafft PLAZA damit einen spürbaren praktischen Nutzen. Informationen müssen nicht mehr über verschiedene Kanäle (Ablagen, E-Mail-Verläufe, Einzelabsprachen) zusammengesucht werden, sondern sind zentral verfügbar. Digitalisierung zeigt sich hier nicht nur in neuen technischen Lösungen, sondern auch in einer Arbeitsweise, die Zusammenarbeit verlässlicher und effizienter macht.

Der nächste Schritt

Die Entwicklung zeigt, dass wir in die richtige Richtung gehen – weg von Insellösungen und hin zu gemeinsamen Standards, Plattformen und Prozessen. Die Grundlagen dafür sind gelegt, organisatorisch, technisch und kooperativ.

Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre wird darin bestehen, diese Grundlagen konsequent auszubauen und in die Fläche zu bringen. Denn digitale Mobilität wird erst dann zum neuen Standard, wenn sie im Alltag zuverlässig funktioniert, über Regionen, Systeme und Anwendungen hinweg.