Mann betrachtet eine großflächige digitale Anzeige mit verschiedenen Informationen und Darstellungen.

Digitalisierungsoffensive

Schrittmacher der digitalen Mobilität

Concetta Wilhelm (KCD)

Ein Stecker passt selten überall – warum Standards im ÖPNV so wichtig sind

Wer schon einmal auf Reisen versucht hat, ein Gerät mit einem fremden Steck­dosen­typ zu verbinden, kennt das Problem: Vieles ist technisch vorhanden, doch es passt in den seltensten Fällen zu­sammen. Ein ähnliches Bild zeigt sich im öffentlichen Nahverkehr: Verschiedene Ticketing-Systeme, Datenformate, Vertriebs­­wege und Prozesse existieren neben­­einander – doch sie greifen nicht nahtlos in­ei­nander. Gerade für Fahrgäste, die über­regional unter­wegs sind, wird das schnell zum Hindernis.

 

Die gute Nachricht: In Nordrhein-Westfalen arbeiten Verkehrs­­unternehmen, Auf­gaben­­träger, Verkehrs­verbünde und das Verkehrs­ministerium gemeinsam daran, genau das zu ändern. Seit 2017 verfolgt die ÖPNV-Digitalisierungs­offensive NRW (DO) das Ziel, den öffentlichen Verkehr digitaler, einheitlicher und damit einfacher zu gestalten – mit einem klaren Anspruch: Menschen in NRW sollen sich unkompliziert, multimodal und barrierefrei bewegen können. Möglich wird das nur, wenn Systeme zueinander passen. Und dafür braucht es Standards, Kooperationen und eine gemeinsame Strategie.

 

In den vergangenen Jahren hat die DO bereits viel erreicht: Projekte wie eezy.nrw, der landes­weite eTarif, das Check-in-/Check-out-System oder das im Projekt easyConnect zwischen Köln und Maastricht pilotierte grenzüberschreitende Reisen zeigen, dass gemeinsame Lösungen erfolgreich sind. Auch die Verbesserung der Daten­qualität für Auskunfts­systeme oder die Integration von multi­modalen Angeboten wie On-Demand-Verkehren wurden durch die Zusammen­arbeit der Beteiligten voran­gebracht.

 

Seit dem Start der Initiative hat sich viel verändert: Neue gesetzliche An­forderungen wie das novellierte Personen­­beförderungs­­gesetz (PBefG), das Deutschland­ticket, die anstehende Ein­führung eines Mobilitäts­daten­gesetzes und techno­logische Ent­wick­lungen wie Künstliche Intelligenz oder Account-Based-Ticketing erfordern eine Neu­aus­richtung. Darum wurde die DO unter Beteiligung aller Partner strategisch weiterentwickelt – festgehalten in einer zweiten, offen formulierten Absichts­­erklärung, die weiteren Partnern den Beitritt ermöglicht.

 

Die DO hat keine starre Struktur, sondern ist eine lernende Strategie. Die besten Lösungen entstehen durch Ausprobieren, Beteiligung und gemeinsames Lernen. Unter dem Motto „Von der Landschaft für die Land­schaft“ vernetzt die DO Akteur*innen im Land, bündelt Wissen, initiiert Digital­­projekte und begleitet diese auf dem Weg zur Umsetzung.

 

Die Koordination erfolgt durch das Kompetenz­center Digitalisierung (KCD) gemein­sam mit dem Kompetenzcenter Marketing (KCM) und der Zentralen Koordinierungs­stelle (ZKS). Sie entwickeln und unter­stützen Projekt­vorhaben, vernetzen Beteiligte und sorgen für eine schlanke, agile Organisation.
 

Sechs Handlungsfelder für eine digitale Mobilitätswende

Im Rahmen von Workshops und Netzwerktreffen wurden sechs inhaltliche Schwerpunkte erarbeitet, die als Orientierung für neue Projekte dienen:

1. Barrierefreies Reisen digital unterstützen
Mobilität soll für alle nutzbar sein – durch digitale Lösungen, die Informations- und Zugangshürden abbauen.

2. Information und Datenqualität erhöhen
Aktuelle, konsistente Daten sind die Grundlage für zuverlässige Fahrgastinformationen und intermodale Reiseketten.

3. Neue Techniken für den digitalen Fahrschein implementieren
Einfache, bargeldlose und einheitliche Vertriebssysteme erhöhen die Nutzer*innenfreundlichkeit und senken Systemkosten.

4. Digitale Angebote auf Kundenbedürfnisse ausrichten
Der Mensch steht im Mittelpunkt – Angebote müssen flexibel, differenziert und lebensnah sein.

5. Hintergrundsysteme harmonisieren und standardisieren
Weniger Systembrüche, mehr Effizienz: Standardisierte, sichere IT-Infrastrukturen stärken den Betrieb und sorgen für mehr Innovation.

6. Grenzüberschreitende Mobilität digital ermöglichen
Projekte wie „easyConnect“ zeigen, wie interoperable Lösungen das Reisen nach Belgien oder in die Niederlande vereinfachen.

Ein weiterer Meilenstein ist bereits in Arbeit: eine digitale Kooperationsplattform, die 2026 eingeführt werden soll. Sie wird den Austausch unter den Akteur*innen erleichtern, die Projektabwicklung strukturierter gestalten sowie den Zugang zu Wissen, Dokumenten und Ansprechpartner*innen verbessern. Damit wird aus vielen Einzellösungen ein großes Ganzes – genau wie bei den zu Beginn erwähnten Steckdosen. Denn wenn alles ineinandergreift, wird aus technischer Vielfalt echte, nutzbare Mobilität für die Fahrgäste.